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Online Geigen- und Bratschenunterricht per Videokonferenz: Eine brauchbare Alternative?

Ich gebe es offen zu: Ich war lange Jahre skeptisch, was Geigen- und Bratschenunterricht per Skype, Facetime, Google-Hangouts, Zoom oder ähnlichem betrifft. Doch dann kam im März 2020 der Corona-Lockdown und Musikunterricht war plötzlich nur noch Online möglich. Wie viele andere Geigenlehrer musste ich diesbezüglich ins sprichwörtliche kalte Wasser springen, um überhaupt noch Unterricht anbieten zu können – und war sowohl vom allgemeinen Zuspruch als auch von den Resultaten positiv überrascht.

Vorteile & Herausforderungen

Die Vorteile des online Geige Lernens liegen – neben dem während einer Pandemie so wichtigen Schutz vor Infektionen – auf der Hand: Es ist ortsunabhängig, längere Anfahrtszeiten entfallen. Für viele, insbesondere beruflich sehr engagierte Menschen oder Familien, lässt sich Online-Unterricht so besser in die durchgetakteten Wochenpläne integrieren.

Demgegenüber sind aber auch einige Herausforderungen anzuführen, die meiner Meinung nach aber eher kleinere Einzelprobleme: Dem Geigenlehrer fällt es mitunter per Videokonferenz nicht ganz so leicht, bestimmte Haltungsprobleme festzustellen (z. B. Winkel der Finger, des Unterarms etc.). Manche, über Jahre etablierte korrigierende „Handgriffe“ sind nicht möglich. Beim Online-Unterricht muss vergleichsweise mehr verbalisiert und erklärt werden, das Bezeichnen von Noten muss genau vorbereitet und angeleitet werden. Und schließlich muss – selbst bei sehr gutem Equipment – auch mit klanglichen Einschränkungen gerechnet werden.

▶ Tipp: Für regelmäßige Musikstunden per Videokonferenz empfiehlt es sich, gezielt ins technische Equipment zu investieren. Oberste Priorität sollte nicht die Webcam haben, sondern Kopfhörer und Mikrofon.

Best Practice: Mischung zwischen Präsenz und Online-Unterricht

In den letzten Monaten hat sich bei mir eine Erkenntnis bezüglich des Online-Geigenunterrichts herauskristallisiert: Mit den Schülern, die ich bereits aus dem Präsenz-Unterricht kannte, waren die Geigen- oder Bratschenstunden per Skype im Vergleich zu den neuen Schülern, die ich zunächst ausschließlich online „getroffen“ habe, etwas effektiver. Schließlich hatte ich bereits mehrfach die Gelegenheit, Haltung, Bogenführung oder Klang rundum anzuschauen und -hören.

Online Geige oder Bratsche lernen per Videokonferenz ist zweifellos eine interessante Alternative zum klassischen Präsenzunterricht. Der allerbeste Kompromiss zwischen Effizienz des Unterrichts und Effizienz der investierten Wegzeit wäre aber wohl ein „gemischtes“ Modell, bei dem sich Präsenz- und Online-Unterricht periodisch abwechseln.

Bewährt hat sich beispielsweise das „Drei-zu-eins-Modell“, bei dem drei Online-Geigenstunden einer Präsenz-Einheit folgen. Vor Beginn des Online-Unterrichts sind mehrere Präsenzeinheiten vorteilhaft, damit der Lehrer die Gelegenheit hat, bestimmte Eindrücke nachhaltig zu gewinnen.

Eine andere Möglichkeit ist ein Kurs- bzw. Workshop-Modell. Viele Musiklehrer bieten Musikwochen, Kurse oder Workshops an (in meinem Fall siehe auch www.musikwoche-gruenbach.at oder www.musikwoche-benediktbeuern.de). Dabei kann man von hochfrequentem und intensivem Unterricht profitieren. Die Zeiträume zwischen den Kursen oder Workshops mit Online-Geigenunterricht oder Online-Bratschenunterricht zu ergänzen, ist ein gangbarer und häufig von Erfolg gekrönter Weg.